Alternative Pflegekonzepte

Pflege zukunftsfähig gestalten


Schon heute sind die Herausforderungen, die Leistungserbringer und Financiers im Pflegebereich zu meistern haben, zahlreich; angesichts der vorherrschenden Entwicklungen liegt jedoch die Schlussfolgerung nahe, dass sie sich noch weiter verschärfen werden.

Maßgeblich verantwortlich hierfür ist die stetige Alterung der Bevölkerung. Dem Statistischen Bundesamt zufolge wird der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland im Jahr 2030 auf 28 Prozent steigen. In Österreich sieht das Bild, mit einem Anstieg auf 23 Prozent im selben Zeitraum, ähnlich aus.


Mit der voranschreitenden Alterung der Bevölkerung wird folglich der Bedarf nach unterschiedlichen Pflege- und Betreuungsangeboten im Alter steigen. Waren es im Jahr 2015 noch drei Millionen Deutsche, die auf Pflege angewiesen waren, werden es bis zum Jahr 2035 schon vier Millionen sein, prognostiziert die Nachrichtenagentur Reuters. Mit der Frage, wie man diesem Nachfrageanstieg begegnen kann, schwingt ein Thema ganz besonders mit: die Veränderung der Ansprüche der Bevölkerung. Nicht nur in der jüngeren Generation, auch in der älteren Bevölkerung haben sich – nicht zuletzt durch die voranschreitende Digitalisierung und den allgemeinen Fortschritt – Bedürfnisse entwickelt, die früher nicht in dieser Form vorhanden waren. Vielfältige Freizeitangebote, möglichst uneingeschränkte Möglichkeiten der Teilhabe am öffentlichen Leben und Vernetzung mit der digitalen Welt sind kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Mindestkriterien bei der Auswahl eines Pflegeheims oder einer anderen Betreuungsform.

Pflegelandschaften zukunftsfähig gestalten


Neben den Herausforderungen auf der Nachfrageseite bestehen auch auf der Angebotsseite Hürden, die es auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Pflegelandschaft zu überwinden gilt. Nicht nur werden viele Altenheime den steigenden Ansprüchen nicht gerecht, hinzu kommt, dass diese Versorgungsformen den Bedürfnissen von Personen mit niedrigen Pflegestufen grundsätzlich nicht entsprechen. Mangels Alternative werden Altenheime dennoch in vielen Fällen von diesen Personen bewohnt. Ein noch größeres Problem stellt der ausgeprägte Fachkräftemangel dar, der sich nur noch schwer bewältigen lässt. Schon heute stehen, laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft, 100 freien, bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Altenpflegerstellen nur 22 Arbeit suchende Fachkräfte gegenüber. Dem Pflegeberuf mangelt es anscheinend an Attraktivität. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Überlastung, Dauerstress und eine zu geringe Bezahlung sind nur einige davon. Zusätzlich geht eine weitere Form der Versorgung, die Pflege durch Angehörige, durch die Veränderung der Lebensumstände (voranschreitende Urbanisierung, steigende Frauenerwerbsquote) immer weiter zurück. Ein rasches Handeln im Sinne einer Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes und einer Qualifizierung von Fachkräften ist daher dringend notwendig.


In Anbetracht der genannten Herausforderungen stellt sich die Frage, ob bereits Pflegekonzepte bestehen, die Lösungsansätze für diese Probleme liefern können. Die Antwort darauf ist: Ja, die gibt es, und einige davon sind es wert, genauer betrachtet zu werden.

Buurtzorg ist ein häuslicher Pflegedienst, in dem Pflegekräfte in selbst organisierten Teams (max. 12 Personen) weitestgehend eigenverantwortlich in ihrer direkten Nachbarschaft arbeiten.

Von Nachbarschaftshilfe bis Seniorendörfer – es gibt alternative Pflegekonzepte


Ein besonderes Vorzeigebeispiel ist das bereits 2007 in den Niederlanden gegründete Unternehmen Buurtzorg (deutsch: „Nachbarschaftshilfe“). Buurtzorg ist ein häuslicher Pflegedienst, in dem Pflegekräfte in selbst organisierten Teams (max. 12 Personen) weitestgehend eigenverantwortlich in ihrer direkten Nachbarschaft arbeiten. Hierbei übernehmen sie autonom nicht nur Tätigkeiten der Arbeits- und Personalplanung, sondern auch die Bedarfserhebung für jeden einzelnen Patienten. Ein zentrales Backoffice kümmert sich um administrative Tätigkeiten, notwendige Daten werden mittels Tablet übertragen. Die Vergütung der Pflegekräfte erfolgt nach Zeitaufwand. Nicht nur höchste Patientenzufriedenheit, sondern auch die wiederholte Ernennung zum attraktivsten Arbeitgeber der Niederlande zeigen, dass dieses Konzept Probleme sowohl auf der Angebots- als auch der Nachfrageseite lösen kann.


Doch nicht nur in den Niederlanden, auch im deutschsprachigen Raum gibt es vielversprechende Ansätze. Einer davon ist das „Seniorendorf“ in Rottenmann, einem Ort in der österreichischen Steiermark. Hier wurde ein ganzes Dorf für Senioren errichtet und in das bestehende Dorf integriert. Die Angebote umfassen sowohl das betreute als auch das betreubare Wohnen. Es gibt Wohnungen für Singles und Paare wie auch zahlreiche Gemeinschaftsräume, wodurch sowohl das Bedürfnis nach Privatsphäre als auch jenes nach Gesellschaft erfüllt wird. Die zentrale Lage innerhalb des Dorfes ermöglicht es den Pflegebedürftigen darüber hinaus, in ihrer gewohnten Nachbarschaft zu verbleiben und am Dorfleben teilzuhaben.


Auch verschiedene Formen von Altenwohngemeinschaften, sogenannte Senioren-WGs, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Dieses Konzept hat jedoch häufig den Nachteil, dass ältere Menschen zumeist mit anderen älteren Menschen zusammenwohnen und wenig Kontakt zur jüngeren Generation haben. Dieses Defizit löst ein weiteres innovatives Modell, das Mehrgenerationenwohnen, welches das Zusammenleben verschiedener Generationen von Jung bis Alt ermöglicht. Von beiden Modellen gibt es zahlreiche erfolgreich durchgeführte Beispielprojekte, sowohl im nordeuropäischen als auch im deutschsprachigen Raum.


In Anbetracht der Herausforderungen gilt es, diese Ansätze weiterzuverfolgen und weiterzuentwickeln – um die Zufriedenheit nicht nur der Gepflegten, sondern auch der Pflegekräfte zu erhöhen und so die Pflege zukunftsfähig zu gestalten.

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