Demenzsensible Architektur


Mit dem Älterwerden der Bevölkerung geht die Zunahme von Demenzerkrankungen einher. In Deutschland geht man von 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr aus. Dies sollte Auswirkungen auf unsere gebaute Umgebung haben, insbesondere auf Pflegeeinrichtungen, aber auch auf den öffentlichen Raum und Krankenhäuser.

Back to the roots …


Mir scheint, dass unser Gehirn im Falle einer Demenzerkrankung auf uralte archaische Wahrnehmungsmuster zurückgreift und daraus resultierend mit unserer künstlichen, gebauten Welt entsprechend weniger zurechtkommt. Vertrautes hilft, kann aber nicht immer geboten werden, beispielsweise bei einem Umzug in ein Heim oder einem Krankenhausaufenthalt.


Vieles von dem, was in Studien und in der Begleitung dementer Personen erarbeitet wurde, klingt logisch und einleuchtend – trotzdem muss man erstens die Erkenntnis erst erlangen und zweitens die Möglichkeit zur Umsetzung haben.

Ich möchte das anhand einiger plastischer Beispiele ausführen:

  • In der Natur spiegelt für gewöhnlich nur Wasser – und darauf kann man nicht laufen. Wenn man sich dies vergegenwärtigt, wird man spiegelnde, blanke Böden wohl besser vermeiden.
  • Ein dunkler Schatten in starkem Kontrast wirkt wie ein Loch, der Boden ist generell dunkler als der Himmel. Wird dies in der Gestaltung von Räumen und Licht berücksichtigt, kommen Erkrankte besser zurecht.
  • Laut fiepende Geräusche kommen in der Natur genauso wenig vor wie absolute Stille. Insofern ist es nachvollziehbar, dass beides Demente verwirren kann.
  • Vorsicht ist auch bei Scheinmaterialien geboten: Eine Fliese in Holzoptik – ohne den typischen Geruch, die Wärme und das Schwingverhalten von Dielen – trägt eher zur Verunsicherung bei.


Die Liste kann beinahe beliebig fortgesetzt werden, insofern lohnt sich meist die Prüffrage nach der urzeitlichen Wahrnehmung dessen, was geplant ist.

Demenzsensibilität ist nicht nur im direkten Wohnumfeld erforderlich


Die Herausforderung liegt weniger darin, Alten- und Pflegeheime für Demente zu bauen, als vielmehr darin, entsprechende Planungsgrundsätze auch in anderen Gesundheitsbauten oder die Planung öffentlicher Gebäude und Plätze einfließen zu lassen, um der steigenden Zahl alter und dementer Personen auch außerhalb von Heimstrukturen gerecht zu werden und einen möglichst selbstständigen Alltag zu ermöglichen. Davon sind wir in Deutschland meines Erachtens weit entfernt – die speziellen Belange von Dementen sind durch die Normen zur Barrierefreiheit nicht berücksichtigt. Barrierefreiheit geht meist mit steigenden Baukosten für zusätzliche Aufzüge, Rampen, Sanitäreinrichtungen oder Hilfssysteme einher – demenzsensible Architektur ist dagegen nicht zwingend teurer, sie geht mit gewissen Effekten nur bewusster um.

Demenzsensible Architektur berücksichtigt alle Sinne


Demenzsensible Architektur berücksichtigt alle Sinne und betrifft den Außen- wie auch den Innenraum. Die Planungsgrundsätze sind vielfältig, noch nicht in Gänze erforscht und werden daher teilweise kontrovers diskutiert. Nachfolgend daher nur exemplarisch einige Denkanstöße, um die Bandbreite zu umreißen.

Sehsinn: Kontrast versus Farbe


Die Sehfunktion nimmt im Alter ab, bei Dementen kommt ein Verblassen des Farbsehens hinzu. Die Beispielgrafik verdeutlicht den Effekt: Gegenstände, die sich farblich leicht voneinander unterscheiden lassen, können bei fehlendendem Kontrast viel schlechter erkannt werden. Besonders Kanten und Ränder (Geschirr, Treppenstufen, Türen) sollten kontrastreich abgesetzt werden, um den Gebrauch zu erleichtern.

Hörsinn: Raumakustik fachmännisch planen lassen


Hören ist wichtig, um an der Gemeinschaft teilhaben zu können – wer schlecht hört, zieht sich häufig zurück. Dieser Rückzug kann in der Folge auch zum Nachlassen weiterer kognitiver Fähigkeiten führen, wenn entsprechende Reize ausbleiben. Demente Menschen erkennen Geräusche oft schlechter oder interpretieren sie falsch. Eine gute Raumakustik unterstützt daher das Sicherheits- und damit das Wohlbefinden.

Gleichgewichtssinn: einen sicheren Stand vermitteln


Der Gleichgewichtssinn wird über eine Summe von Informationen gesteuert. Neben der Bodenbeschaffenheit spielen hier Muster eine große Rolle, die daher besonders sorgsam auszuwählen und einzusetzen sind.

Geruchssinn: Gerüche geben Orientierung


Gerüche warnen uns seit Urzeiten vor Gefahren, sie dienen jedoch auch der Orientierung, wie die Redewendung „Immer der Nase nach“ verrät. Dies kann man sich auch in der Architektur zunutze machen, indem man typische Gerüche zulässt: Kaffeeduft, Gerüche der Essenszubereitung oder auch duftende Pflanzen im Garten geben Orientierung, sowohl zum Ort als auch zur Jahres- oder Uhrzeit.

Und schließlich – Plädoyer fürs Ehrliche


Falsche Bushaltestellen zum Verhindern des Ausreißens, Fototapeten zum Verstecken von Türen oder auch nur zur Dekorationen sind zu vermeiden oder zumindest mit Vorsicht einzusetzen, da die „Fehlfunktion“ leicht Frustration oder Verwirrung auslösen kann.

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