Großes Vertrauen vs. schlechtes Image

Warum ist Pflege kein attraktiver Beruf?


Feuerwehrleute, Krankenschwestern, Piloten – das sind die drei vertrauenswürdigsten Berufe in Deutschland. Pflege gilt demnach als eine der meistgeschätzten Professionen.

Die Attraktivität des Berufs und die der Berufsgruppe zugesprochenen Kompetenzen sind jedoch gering. Die Hälfte der deutschen Pflegekräfte nimmt das Image des eigenen Berufs als schlecht oder gar sehr schlecht wahr. Für viele scheidende Pflegekräfte ist dies sogar ein Hauptgrund für den Berufsausstieg.


Die Gründe dafür sind vielfältig:

Im Rahmen politischer Diskussionen wird Pflege vor allem als Kostenfaktor angeführt. Optionen zur Bekämpfung des Pflegemangels suggerieren häufig, dass es sich um einen Beruf handelt, der ohne umfassendes Fachwissen und Qualifikationen ausgeführt werden kann. Insgesamt ist wenig über Kompetenzen und Verantwortung bekannt. In den Medien werden meist einseitig die Themen Personalmangel und Behandlungsfehler dargestellt. Informative Berichterstattungen, die alle Dimensionen des Berufs beleuchten, gibt es nur wenige. Auch TV-Serien und Filmproduktionen bilden nicht die Realität ab, sondern zeigen Pflegekräfte als stumme Bedienstete der Ärzte in unangemessener oder veralteter Berufskleidung.


Zudem findet Erfahrungswissen bis dato aufgrund geringer Verdienst- und Aufstiegschancen keine Anerkennung. Nach abgeschlossener Fachweiterbildung bzw. einer Stelle als Stationsleitung gibt es kaum Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Auch gibt es keine Differenzierung durch Kompetenzen und Weisungsbefugnisse. Alle examinierten Pflegekräfte haben die gleichen Befugnisse.


Im angelsächsischen Raum hingegen findet eine formale Hierarchisierung der Pflegekräfte auch unterhalb der Ebene der Stationsleitung statt. So haben erfahrene Pflegende mehr Weisungsbefugnisse als Berufsanfänger. Derzeit wird die Einführung einer solchen Abstufung auch in Deutschland forciert, durch Vorantreiben der Akademisierung und Implementierung neuer Pflegeorganisationssysteme wie „Primary Nursing“.

Nach außen scheint die Pflege stumm, obwohl es die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesens ist. Es gibt kaum öffentliche Mitteilungen und auch vonseiten der Patienten werden die Pflegenden meist nicht als Bestandteil des therapeutischen Teams wahrgenommen.

Pflege ohne Lobby – wie gelingt es, junge Leute zu gewinnen?


Die Berufsgruppe der Pflegenden ist häufig fremdbestimmt. Bisher gibt es nur in drei Bundesländern eine Pflegekammer und sehr wenig Lobbyarbeit. Nach außen scheint die Pflege stumm, obwohl es die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesens ist. Es gibt kaum öffentliche Mitteilungen und auch vonseiten der Patienten werden die Pflegenden meist nicht als Bestandteil des therapeutischen Teams wahrgenommen.

Der Faktor, der sich am meisten auf das schlechte Image der Pflege auswirkt, ist die hohe Arbeitsbelastung. Ursache dafür sind zum einem negative Rahmenbedingungen (unflexible Schichtmodelle, nicht angepasste Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Festhalten an tradiertem Wissen und ineffizienten Arbeitsprozessen oder wenig Raum für Innovationen) und zum anderen die quantitativ hohen Arbeitsanforderungen (geringer Personalschlüssel bei zunehmenden Fallzahlen und verkürzter Verweildauer sowie das häufige Durchführen fachfremder Tätigkeiten im Bereich Transport, Reinigung, Hauswirtschaft, Verwaltung und Logistik).


Die genannten Einflussfaktoren sind die Ansatzpunkte, wie man den Pflegeberuf attraktiver machen, das öffentliche Ansehen der Pflege aufwerten und so in Anbetracht des bestehenden Personalmangels wieder mehr junge Leute für die Pflege gewinnen und sie langfristig im Beruf halten kann:


  • Mögliche Konzepte für eine ausgeglichene Work-Life-Balance sind die Einführung flexiblerer Schichtmodelle und eine an die Arbeitszeiten angepasste Kinderbetreuung.
  • Veraltete Strukturen aufbrechen, sich von tradiertem Wissen und Prozessabläufen lösen und stattdessen pflegewissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und neue Technologien nutzen – das steigert in der Regel langfristig die Zufriedenheit der Mitarbeiter und entlastet sie.
  • Die Umstrukturierung der hausinternen Arbeitsprozesse in Form klarer Abgrenzung von ärztlichen und pflegerischen Tätigkeiten sowie die Einstellung pflegeunterstützenden Personals (z. B. Stationshilfen, Transportdienst, MFAs), ermöglichen es dem Pflegepersonal, sich wieder vermehrt den jeweiligen pflegerischen Aufgaben zu widmen.
  • Um der immer komplexer werdenden Gesundheitsversorgung Rechnung zu tragen, können implementierte Pflegevisiten und eine Akademisierung der Pflege Abhilfe schaffen – und überdies das Ansehen der Berufsgruppe steigern.

Kontakt

Sophie Charlott
Krause-Hassenstein |
Senior Consultant EY

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