Interview mit Prof. Dr. Anke Simon

Mit politischem Willen dem Pflegenotstand entgegenwirken


Es müsste die gesetzliche und finanzielle Basis für ein Abrechnungssystem geschaffen werden, in dem die medizinischen und die pflegerischen Leistungen berücksichtigt werden.

In Deutschland sind rund 30.000 Stellen für Fachkräfte und Helfer der Alten- und Krankenpflege unbesetzt. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen für den Fachkräftemangel?


Prof. Dr. Anke Simon: Zunächst ist da die demografische und epidemiologische Entwicklung zu sehen – auch wenn diese schon seit Jahren bekannt ist. Auf der anderen Seite steht die Reputation des Pflegeberufs: In Bevölkerungsumfragen zum Berufsimage landet die Pflege regelmäßig auf Platz eins oder zwei, gleich nach dem Feuerwehrmann oder Arzt , aber das Image in Bezug auf Arbeitsbedingungen, leistungsgerechte Entgeltpolitik oder Entwicklungsmöglichkeiten ist doch eher negativ geprägt. Das sorgt für eine deutliche Abwertung und entsprechend zum aufgeführten Fachkräftemangel.

Sie sprechen es an: Geringe Vergütung, Stress und Überlastung des Personals sind die Hauptgründe für den Pflegenotstand. Wie kann es also gelingen, die Arbeitsbedingungen in der Pflege nachhaltig zu verbessern?


Prof. Dr. Anke Simon: Einen entsprechenden politischen Willen der steuernden Akteure vorausgesetzt (hier im Wesentlichen DKG, GKV, Gesundheitsministerium), ist der erste Schritt aus meiner Sicht recht einfach: Es müsste die gesetzliche und finanzielle Basis für ein Abrechnungssystem geschaffen werden, in dem die medizinischen und die pflegerischen Leistungen berücksichtigt werden. Gleichermaßen bedarf es an der Patientensicherheit orientierter Leitplanken für die Pflegepersonalausstattung.

Die Akademisierung der Pflege ist aus meiner Sicht eine längst überfällige Entwicklung in Deutschland.

Ist das systemisch überhaupt denk- und umsetzbar?


Prof. Dr. Anke Simon: Da wir in Deutschland kein zentralistisches Gesundheitssystem haben (und uns dieses auch nicht wünschen), obliegt die Steuerung der Selbstverwaltung. Damit wird es kompliziert, ohne Frage. Aber auf der gennannten Basis könnten in der Folge die Partner der Selbstverwaltung auf Länderebene und auf der Ebene der Leistungsanbieter die jeweils adäquate Umsetzung verhandeln.

In der Ausbildung von Pflegeberufen wird die Akademisierung weiter vorangetrieben. Die duale Ausbildung ist mittlerweile schon so etwas wie ein klassisches Modell. Daneben etablieren Universitäten und Hochschulen zunehmend primärqualifizierende, grundständige und postgraduale Studiengänge im Bereich Pflege. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung und welche Auswirkungen erwarten Sie in den nächsten Jahren?


Prof. Dr. Anke Simon: Die Akademisierung der Pflege ist aus meiner Sicht eine längst überfällige Entwicklung in Deutschland – da ist sich die übergroße Mehrheit der Gesundheitsexperten in Wissenschaft und Praxis einig. Welche konkreten Auswirkungen zu erwarten sind, bleibt abzuwarten. Es bestehen Unsicherheiten in den Berufsfeldern bzw. Tätigkeitsbereichen in der Praxis. Denn hier werden tradierte Standesinteressen insbesondere der Medizin und Pflege tangiert und überholte Führungskulturen infrage gestellt. Eine durchaus schwierige Situation, die immer wieder verhindert, dass Best Practices aus dem Ausland bzw. für die Patientenversorgung fortschrittliche und ökonomisch sinnvolle Lösungen eingeführt werden.

Welche Verbesserungen erhoffen Sie sich durch die Akademisierung im Klinikalltag?


Prof. Dr. Anke Simon: Akademisch ausgebildete Pflegekräfte verfügen für die unmittelbare Patientenversorgung über ein höheres klinisches Fachwissen und über ausgeprägte Gestaltungskompetenz im Hinblick auf komplexe Problemlösungen. Hinzu kommen diverse methodische Fähigkeiten und Schlüsselkompetenzen, die typisch sind für ein gutes Studium. Darüber hinaus erlangen sie durch Bezugswissenschaften im Management, in der Medizin, in der Soziologie usw. die notwendigen Voraussetzungen zum interprofessionellen Agieren mit den anderen Berufsgruppen.

Im Anschluss an ihre wissenschaftliche Ausbildung stehen Absolventen unterschiedliche Berufswege offen. In welchen Bereichen können Akademiker im Pflegealltag von Krankenhäusern sowie der ambulanten und stationären Pflege eingesetzt werden und ihre Fähigkeiten sinnvoll einbringen?


Prof. Dr. Anke Simon: Im Ausland, z. B. in den skandinavischen Ländern, in Großbritannien, Australien oder den USA, arbeitet die übergroße Mehrheit der Pflegekräfte mit Bachelorabschluss (registered nurses/examinierte Pflegekräfte) in der unmittelbaren Patientenversorgung – also auf Station im Krankenhaus, im ambulanten Sektor oder in der Reha. Dort hatte man schon früher erkannt, dass eine Weiterentwicklung der beruflichen Ausbildung benötigt wird, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden und neue Erkenntnisse in den Pflegealltag zu integrieren.

Darüber hinaus gibt es mit einem Hochschulabschluss auch die Möglichkeit, z. B. in den Bereichen Forschung und Weiterentwicklung pflegerischer Methoden und Modellen aktiv zu werden.


Prof. Dr. Anke Simon: Natürlich. Jedes Bachelorstudium qualifiziert generell für eine Fach- und/oder Führungslaufbahn. Die Durchlässigkeit der Karriereplanung dürfte für Arbeitgeber und Absolventen gleichermaßen attraktiv sein. Meines Erachtens sind zwei der größten Herausforderungen im Krankenhaus momentan die Steuerung der komplexen klinischen Prozesse und eine konsequente Patientenzentrierung (value added medicine). Hier verbergen sich enorme ökonomische Potenziale, was Kosten und Nutzen angeht. Da die Pflege naturgemäß sehr nah und durchgängig mit der Patientenversorgung beschäftigt ist, können akademisch qualifizierte Pflegekräfte hier besonders positiv wirken, vorausgesetzt, ihnen wird die Verantwortung für diese Aufgaben übertragen.

Die Digitalisierung schreitet im Gesundheitswesen voran. So erhalten Patienten beispielsweise neue Möglichkeiten, sich zu informieren, und neue Behandlungsmethoden werden entwickelt. Wie wird dieser Herausforderung im Rahmen der Ausbildung begegnet?


Prof. Dr. Anke Simon: Gute Studienprogramme verankern die Vermittlung von Digitalisierungskompetenzen mehrdimensional im Curriculum. Wir an der DHBW verfügen darüber hinaus über unser kürzlich gegründetes Zentrum für Digitale Transformation (ZDT) mit überaus kreativen Lehr-Lern-Angeboten.

Inwiefern wird die Digitalisierung den Pflegeberuf und die alltägliche Arbeit der Pflegenden verändern?


Prof. Dr. Anke Simon: Ein ganz zentrales Thema. Für den stationären Alltag erwarte ich fundamentale Veränderungen. Mobile Geräte und Systeme stehen am Patientenbett und überall, wo Pflegekräfte sie benötigen, zur Verfügung. Viele Vitalwerte und klinische Parameter zur Verlaufskontrolle werden per Bodysensorik in das klinische Arbeitsplatzsystem (KAS) übertragen und müssen nicht mehr erfasst werden. Patienten haben Zugriff auf ihre Patientenakte. Unterstützende Informationen zur Schmerzsteuerung oder die Patientenaufklärung vor einer OP oder auch das Thema Gesundheitskompetenz – z. B. im Sinne der Beratung zur Lebensstiländerung nach einem Herzinfarkt – können unmittelbar durch Video, Bilder und Textinformationen Unterstützung erfahren.

Es versteht sich von selbst, dass die menschliche Zuwendung und Fürsorge nicht durch digitale Technik ersetzt werden kann. Aber wer will das schon… Die ethischen Implikationen der digitalen Transformation sind auf jeden Fall auch ein Thema der Pflege als wissenschaftliches Fachgebiet.

Kurzbiografie


Prof. Dr. rer. pol. Anke Simon leitet als Studiendekanin das Studienzentrum Gesundheitswissenschaften und Management an der DHBW Stuttgart (ca. 500 Studierende, gegründet 2013 als erstes Studienzentrum in dem Fachgebiet in Baden-Württemberg). Darüber hinaus verantwortet sie als Studiengangsleiterin die Studiengänge BWL – Gesundheitsmanagement und Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Sie ist Gründungsprofessorin der Studiengänge Angewandte Pflegewissenschaft und Angewandte Hebammenwissenschaft. Ihre Forschungsgebiete sind Qualitätsmanagement, Patient-centered Outcome Research/Präferenzforschung, Lebensqualitätsforschung, Gesundheitsinformatik/E-Health. Bevor Anke Simon an die DHBW berufen wurde, arbeitete sie fast 20 Jahre in verschiedenen klinischen und administrativen Krankenhausbereichen, zuletzt als CIO und Leiterin des IT-Servicecenters (46 Mitarbeiter, 12 Mio. Euro Jahresbudget) am Klinikum Stuttgart (52 Kliniken und Institute).