Pflege in Deutschland

Eine Berufssparte krankt


Ob in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen oder im Krankenhaus, überall mangelt es an qualifiziertem Pflegepersonal, bei stetig steigendem Bedarf. Angesichts dieses bereits länger anhaltenden Trends hat nun auch die Politik die Initiative ergriffen: Der Bundestag hat am 9. November das Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals beschlossen.

Doch reicht die Unterstützung des Bundesministeriums aus, um den hohen Bedarf an Pflegekräften in den nächsten Jahren decken zu können? Welche zusätzlichen Maßnahmen können Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen ergreifen, um über genügend qualifiziertes Personal zu verfügen?


Ein Überblick

Wesentlicher Treiber für den zunehmenden Pflegekräftemangel ist der demografische Wandel: Menschen leben länger und durch die überalternde Bevölkerung steigt die Nachfrage nach professioneller Pflege. Zugleich sinkt das Arbeitskräftepotenzial zur Deckung des wachsenden Pflegebedarfs.


Zahlen belegen die Brisanz. So geht das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2060 auf ca. 4,8 Mio. ansteigen wird, was einem Zuwachs von etwa 75 Prozent im Vergleich zu 2013 entspricht. Während der Bedarf immer weiter steigt, sind bereits heute viele Stellen unbesetzt, und eine vakante Position zu besetzen dauert durchschnittlich 175 Tage in der Altenpflege bzw. 149 in der Gesundheits- und Krankenpflege. Insgesamt blieben 2017 ca. 15.404 der gemeldeten Stellen allein in der Altenpflege unbesetzt (unter Berücksichtigung der nicht gemeldeten Stellen wird die Zahl der offenen Stellen auf bis zu 30.000 geschätzt). In der Gesundheits- und Krankenpflege lag die Zahl der offenen (gemeldeten) Stellen bei fast 11.000.


Für diesen Engpass sind zwei Faktoren hauptverantwortlich: Neben dem generell sinkenden Arbeitskräftepotenzial in Deutschland spielt auch die derzeit mangelnde Attraktivität des Pflegeberufs eine entscheidende Rolle. Die hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitig relativ geringer Bezahlung führt dazu, dass sich zu wenige für dieses Berufsfeld entscheiden. Zudem dominieren nach wie vor mit einem Anteil von 85 Prozent Frauen als Arbeitnehmer in der Branche, für die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine besonders hohe Bedeutung hat. Dies wiederum führt zu einer sehr hohen Teilzeitbeschäftigung von 72 Prozent (der Pflegekräfte in Pflegeheimen), wodurch vorhandenes Arbeitskräftepotenzial nicht voll ausgeschöpft wird.

Das Statistische Bundesamt und das Bundesinstitut für Berufsbildung gehen bei einer unveränderten Pflegefallwahrscheinlichkeit von 110.000 fehlenden Pflegekräften im Jahr 2025 aus.

Steigende Zahl der Pflegebedürftigen bei gleichzeitig sinkendem Arbeitskräftepotenzial – die Pflege in der Krise


Prognosen über den zukünftigen Bedarf schwanken stark, da unterschiedliche Szenarien berücksichtigt werden. Unter anderem hängt die weitere Entwicklung von der tatsächlichen Pflegefallhäufigkeit, der Bevölkerungsentwicklung, den Verschiebungen in der Versorgungsart (ambulant/stationär), dem medizinischen und technischen Fortschritt und dem Reifegrad der Digitalisierung ab. Das Statistische Bundesamt und das Bundesinstitut für Berufsbildung gehen bei einer unveränderten Pflegefallwahrscheinlichkeit von 110.000 fehlenden Pflegekräften im Jahr 2025 aus, bei reduzierter Wahrscheinlichkeit von 60.000. Andere Studien erwarten einen weitaus höheren Engpass in der Pflege. Unabhängig davon, auf welcher Basis gerechnet wird, lässt sich festhalten: Der Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal steigt stark. Um dieser Herausforderung zu begegnen – und damit wettbewerbsfähig zu bleiben – und das Patientenwohl zu gewährleisten, sind neue Strategien erforderlich.


Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals

Um dem immer schmaleren Engpass an Pflegepersonal entgegenzuwirken, hat das Bundesministerium für Gesundheit mit dem Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals ein neues Sofortprogramm beschlossen. Das neue Gesetz tritt im Januar 2019 in Kraft und verfolgt das Ziel, die Personalausstattung und die Arbeitsbedingungen in der Kranken- und Altenpflege zu verbessern.


Unter anderem sieht das Gesetz für die Pflege folgende Maßnahmen vor:

Im Krankenhaus:

  • Jede zusätzliche Pflegekraft wird finanziert und Tarifsteigerungen werden ebenso wie die Vergütung von Azubis in der (Kinder-)Krankenpflege im 1. Ausbildungsjahr voll refinanziert.

In Pflegeeinrichtungen:

  • 13.000 zusätzliche Pflegekräfte sollen eingestellt werden, ohne die Pflegebedürftigen finanziell zu belasten.
  • Es wird eine effektivere Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten angestrebt.
  • Es sind bis zu 12.000 Euro als Unterstützung für die Anschaffung neuer technischer und digitaler Ausrüstung vorgesehen.

Zudem soll die Attraktivität der Kranken- und Altenpflege verbessert werden. Die Krankenkassen werden verpflichtet, mehr als 70 Mio. Euro in die betriebliche Gesundheitsförderung zu investieren, und auch zielgerichtete Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Pflegekräfte werden unterstützt.


Betrachtet man jedoch den bereits bestehenden Pflegekräftemangel, stellt sich die Frage: Woher soll das zusätzliche Personal kommen? Das negative Image des Pflegeberufs deutlich zu verbessern und seine Attraktivität zu steigern sind wichtige Maßnahmen, allerdings wirken sie häufig zeitlich versetzt und lösen nur einen Teil des Problems. Aus diesem Grund sind weitere Maßnahmen unabdingbar.


Ausbildung und ausländische Fachkräfte als Problemlöser?

Das Bundesministerium für Gesundheit hat zusätzlich eine generalisierte Ausbildung geplant, um die Attraktivität des Pflegeberufs zu stärken. Die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege wird ab 2020 in einer Ausbildung zusammengefasst und bietet Absolventen eine höhere Flexibilität sowie erleichterte Berufsanerkennung im Ausland. Dieses Programm zielt darauf ab, den positiven Trend der Ausbildungszahlen noch stärker voranzutreiben und insbesondere den Beruf der Altenpflege aufzuwerten.


Auch der Einsatz ausländischer Fachkräfte könnte Abhilfe schaffen. Bereits in 2017 lag der Anteil der Personen mit nicht deutscher Staatsbürgerschaft in der Altenpflege bei 11 Prozent. Eine weitere Erhöhung könnte angesichts des steigenden Bedarfs eine wirksame Maßnahme gegen den Fachkräftemangel darstellen, allerdings nur in begrenztem Umfang. Die sprachlichen und kulturellen Barrieren führen häufig zu einer langen Einarbeitungszeit und die Fluktuation ist hoch. Auch die Kosten sind nicht zu unterschätzen. Vergleicht man diese jedoch mit der Alternative Bettenabbau, so ist der Einsatz von Fachkräften aus dem Ausland ökonomisch durchaus sinnvoll.

Durch verschiedene Schichtmodelle, Betreuungsangebote und eine höhere Flexibilität für Pflegende wird darüber hinaus versucht, dem hohen Anteil an Teilzeitkräften gerechter zu werden, sodass sie Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können.


Einen weiteren Ansatz zur Entlastung des Pflegepersonals bietet die Digitalisierung: So ist es durchaus denkbar, dass Robotertechniken – sowohl Soft- als auch Hardware – zukünftig Einzug in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser halten. Japan ist beispielsweise Vorreiter auf diesem Gebiet und hat bereits einen Pflegeroboter entwickelt, der schwere körperliche Tätigkeiten übernimmt. Neben der Zeitersparnis soll diese Technik in erster Linie die körperlichen Beschwerden (z. B. Rückenschmerzen) des Pflegepersonals reduzieren. Wann und in welchem Umfang sich eine vergleichbare Technik im deutschen Gesundheitswesen etabliert, bleibt jedoch unklar.

Fazit

Angesichts des steigenden Bedarfs an Pflegekräften und des verringerten Arbeitskräftepotenzials ist davon auszugehen, dass sich die Problematik des Pflegekräftemangels weiter verstärken wird. Auch die Politik hat die Problematik erkannt und vor kurzem ein Sofortprogramm beschlossen, um diese Entwicklung abzumildern. Allerdings sollten sich Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser nicht allein darauf verlassen. Um zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben und genügend qualifiziertes Pflegepersonal für den laufenden Betrieb gewährleisten zu können, sind Eigeninitiative und Kreativität gefragt, zum einen um die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern, zum anderen um vorhandenes Arbeitskräftepotenzial effizienter einzusetzen.

Kontakt

Sophie Charlott
Krause-Hassenstein |
Senior Consultant EY

+49 40 36132 17012

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Quellen:

Bundesministerium für Gesundheit (2018): Beschäftigte in der Pflege, Berlin

Bundesministerium für Gesundheit (2018): Sofortprogramm Pflege, Berlin

Isfort, Prof. Dr. Michael; Rottländer, Ruth; Weidner, Prof. Dr. Frank; Gehlen, Danny; Hylla, Jonas; Tucman, Daniel (2018): Pflege-Thermometer 2018. Herausgegeben vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP), Köln