Telenursing

Pflege neu gedacht


Pflege ist ein essenzieller Bestandteil der medizinischen Versorgung – und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Pflegefachkräfte sind elementare Säulen dieser Versorgung, die es Gesundheitsorganisationen erst ermöglichen, ihrer originären Bestimmung nachzukommen.

Allerdings erlauben es uns bereits heutzutage und vor allem zukünftig zahlreiche Herausforderungen (gesellschaftlicher, technologischer und wirtschaftlicher Natur) nicht, uns nur auf die Ressource Mensch bzw. Pflegefachkraft zu verlassen. Durch eine stark ansteigende Zahl von Pflegebedürftigen droht nach einer neuen Studie eine wachsende Pflegelücke in Deutschland. Rund vier Millionen Menschen werden voraussichtlich bis 2035 pflegebedürftig sein. Wie geht man bei der Ausganglage von einer immer älter werdenden Gesellschaft und einem gleichzeitig großen Fachkräftemangel in der Branche vor?


Die Schieflage ist da, welche Lösungsansätze gibt es? Das Problem lässt sich nicht mehr umgehen: Die Zeit für präventive Maßnahmen ist abgelaufen; politische und wirtschaftliche Lösungen kommen zu spät und werden nur eine temporäre Linderung des Facharbeitermangels im Gesundheitswesen und insbesondere in der Pflege anbieten können. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) werden deutschlandweit bis ins Jahr 2035 rund 44 Prozent mehr Pflegekräfte benötigt, um den Pflegebedarf decken zu können.


Gesucht werden neue und vor allem langfristige Lösungsansätze, die über eine symptomatische Behandlung dieser Krise hinausgehen. Das Thema Pflege sowie die Art und Weise, wie heute Pflegedienstleistungen erbracht werden, müssen gänzlich neu gedacht werden. Wenn in der Gleichung das Personal eine Konstante ist, dann muss sie nach anderen (variablen) Faktoren aufgelöst werden – in Richtung einer guten und verlässlichen pflegerischen Betreuung. Selbstverständlich muss der Pflegeberuf an sich wieder attraktiver gestaltet werden, eventuell müssen sogar neue medizinische Berufsfelder zur Entlastung und Unterstützung kreiert werden (Beispiel Physician Assistant oder Assistant Nurses). Aber welche Faktoren bzw. Maßnahmen können daneben zur Lösung des Problems beitragen?

Digitale Transformation – auch eine Chance in der Pflege?


Digitale Lösungen zu implementieren und Patienten außerhalb der Pflegeeinrichtung mit ihr zu vernetzen kann bis zu einem gewissen Grad Abhilfe schaffen. Sogenannte Telehealth-Technologien können Gesundheitsorganisationen unterstützen, dem fortschreitenden Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal entgegenzuwirken. Selbstverständlich können digitale Lösungen die menschliche Patienteninteraktion nicht ersetzen, aber sie können sie in weiten Teilen unterstützen. Das griechische „tele“ steht dabei für „fern“ oder „auf Distanz“. Im Fall der Pflege entsteht so der Begriff „Telenursing“. Die dafür notwendige digitale Infrastruktur ist oftmals bereits vorhanden und geeignete Plattformen lassen sich gut darin integrieren. Auch gibt es einige Jungunternehmen, die mit ihren Lösungen bereits am Markt präsent sind.

Wie kann das Prinzip „Telenursing” die Pflege entlasten?


  1. Remote Services: Heutige Technologien erlauben die virtuelle Verbindung zum Patienten nach Hause. Vorhandene Computer oder Smartphones ermöglichen diesen Kontakt als Portale in die digitale Welt. In vielen Fällen kann dies die persönliche Visite oder allgemein den Gang zu einer medizinischen Einrichtung ersparen. Das kommt nicht nur dem Patienten zugute, sondern auch der Einrichtung, die den zeitlichen und bürokratischen Aufwand digital besser managen kann.
  2. Patientenmonitoring: Dieselben Geräte erlauben es dem Pflegepersonal, den Gesundheitszustand der Patienten sowohl auf Station als auch bei ihnen zu Hause langfristig zu überwachen. Zeitaufwendige manuelle Maßnahmen wie die Messung des Blutdrucks oder der Temperatur oder das Abhören durch ein Stethoskop können digital unterstützt und sogar vom Patienten selbst durchgeführt werden.
  3. Patientenkomfort: Die meisten Notfälle sind mit einem kritischen zeitlichen Faktor verbunden. Sind die Anfahrten lang oder ist kein Personal verfügbar, kann dies die Behandlung wesentlich beeinträchtigen. Für bestimmte Anliegen kann durch Telenursing eine sofortige Behandlung eingeleitet werden, ohne Fahrten und Wartezeiten. Insbesondere Patienten auf dem Land, die keinen direkten Zugang zu einem Gesundheitsdienstleister haben, können davon profitieren.
  4. Finanzielle Vorteile: Das IGES-Institut hat errechnet, dass für Notfallbehandlungen im Krankenhaus, die sich eigentlich vermeiden ließen, Kosten in Höhe von fünf Milliarden Euro im Jahr anfallen. Diese Kosten lassen sich ganz entschieden durch Telehealth-Lösungen reduzieren und entlasten große Krankenhäuser zudem personell.
  5. Reduktion von Wiederaufnahmen: Frühe Entlassungen und schlechte bis keine Betreuung nach der Entlassung führen bei Risikopatienten schnell zu einer Wiederaufnahme und somit zu einem erhöhten Pflegeaufwand und erhöhten Kosten. Die Betreuung durch Telenursing nach der Entlassung des Patienten kann dafür sorgen, dass postoperative Komplikationen früh erkannt, vermieden oder ggf. direkt behandelt werden.
  6. Neue Berufsfelder: Der vermehrte Einsatz von Telehealth-Technologien in Gesundheitsorganisationen wird neue Berufsgruppen erschließen, die sich diesen Services widmen. Aufgrund dieser beratenden Tätigkeit erlangt die Fachkraft auch eine neue Qualifikation und Verantwortung. Innovative Serviceunternehmen werden hier mit etablierten Gesundheitsorganisation eng zusammenarbeiten und neue Berufschancen ermöglichen.

Fazit

Die Entlastung der Pflegefachkraft ist das Hauptargument für den Einsatz von Telenursing: Mehr Zeit für den Patienten, bessere Möglichkeiten der Prävention und ein effektives Monitoring durch Telenursing können zu einer besseren medizinischen Versorgung und Betreuung bei einem geringeren Aufwand führen.

Quellen:

Kassenärztliche Vereinigung (2016): Vermeidbare Notfallbehandlungen im Krankenhaus

Kochskämper, Dr. Susanne: Geld allein reicht nicht mehr, Institut der deutschen Wirtschaft (2018), Köln

Advent Health University (2017)

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