Veränderung der Aufgabenverteilung in der Altenpflege als Antwort auf den Fachkräftemangel


Angesichts des ständig lauter werdenden Rufs nach Maßnahmen, um den Pflegenotstand zu reduzieren, sowie entsprechender Aufforderungen an politische Handlungsträger sollten auch alternative Herangehensweisen als möglicher Ausweg beleuchtet werden. Eine mögliche Herangehensweise können organisationale Veränderungen und insbesondere eine veränderte Aufgabenverteilung in der Pflege sein.

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege zeigt sich ausnahmslos in allen Bundesländern.

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege in Zahlen


Die Suche nach konkreten Zahlen zum Fachkräftemangel stellt sich als sehr mühsam dar, da über die Zahl aller nicht besetzten Fachkraftstellen in der Altenpflege keine amtlichen Angaben vorliegen. Das „Pflege-Thermometer 2018“ des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP) berichtet von derzeit 38.000 offenen Stellen in der ambulanten und stationären Altenpflege.


Indizien für bestehende Engpässe können u. a. aus der Arbeitsmarktberichterstattung des jeweils aktuellen Jahres der Bundesagentur für Arbeit entnommen werden. Diese zeigt, dass gemeldete Stellenangebote für examinierte Altenpflegefachkräfte und -spezialisten im Bundesdurchschnitt 175 Tage vakant sind und die durchschnittliche Vakanzzeit damit um 63 Prozent über der durchschnittlichen Vakanzzeit in allen Berufen liegt. Auf 100 gemeldete Stellen kommen rechnerisch lediglich 27 Arbeitslose.


In absoluten Zahlen ausgedrückt kamen damit (ohne Berücksichtigung der Zeitarbeitsstellen) auf 11.300 vakante Stellen 3.000 Arbeitslose.

Gegenüber dem Vorjahr (2017) hat sich die Situation in der Altenpflege weiter angespannt. So ist die Vakanzzeit um acht Tage gestiegen und die Relation zwischen der Zahl der Arbeitslosen und der Zahl der vakanten Stellen hat sich nochmals verringert.


Der Fachkräftemangel in der Altenpflege zeigt sich ausnahmslos in allen Bundesländern.

Einflussfaktoren für Aufgabenverteilung und Stellenbildung in der Altenpflege


Grundsätzlich handelt es sich bei der Altenpflege um eine gesetzlich stark reglementierte Branche, sodass der Handlungsspielraum bei der organisatorischen Neugestaltung einer Einrichtung einschränkt ist. So dürfen beispielsweise die Pflegekassen als Träger der Pflegeversicherung (§ 46 Abs. 1 SGB XI) die Übernahme von ambulanten und stationären Leistungen nur Einrichtungen gewähren, mit denen ein Versorgungsvertrag besteht (§ 72 Abs. 1 SGB XI). In dem Versorgungsvertrag (§ 72 Abs. 1 Satz 2 SGB XI) sind u. a. Art, Inhalt und Umfang der allgemeinen Pflegeleistung, die durch die Einrichtung erbracht wird, geregelt (Versorgungsauftrag).


Neben SGB XI sind besonders die länderspezifischen Regelungen von Bedeutung. Beispielhaft sei hier das Gesetz zur Regelung der Pflege-, Betreuungs- und Wohnqualität im Alter und bei Behinderung (PfleWoqG) in Bayern genannt. Darin sind u. a. konkrete Regelungen zu Art, Anzahl und Qualifikation der Arbeitskräfte innerhalb einer Pflegeeinrichtung zu finden.


Neben gesetzlichen Regelungen ist die interne Ausrichtung der Einrichtung ein bestimmender Einflussfaktor. Von besonderer Bedeutung sind hier das Pflegesystem und der Pflegeprozess. Als Pflegesystem wird das grundsätzliche Arbeitsprinzip beschrieben, nach dem gepflegt wird.


Der Pflegeprozess stellt das Grundgerüst für das eigenständige Strukturieren beruflichen Handelns und die Weiterentwicklung erfahrungsgeleiteter Pflege hin zu einer analytisch-reflektierenden Pflege dar.

Eine Antwort auf den Fachkräftemangel innerhalb der Altenpflege könnte die veränderte Aufgabensynthese darstellen.

Veränderte Aufgabensynthese innerhalb der Altenpflege – Vorschläge


Eine Antwort auf den Fachkräftemangel innerhalb der Altenpflege könnte die veränderte Aufgabensynthese darstellen. Pflegekräfte könnten durch die Einführung eines Pflege- und Betreuungsmanagers oder einer Stationssekretärin entlastet werden.

Der Pflege- und Betreuungsmanager


Die Idee des Pflege- und Betreuungsmanagers basiert auf dem Pflegesystem der Bezugspflege (und dem Pflegeprozess).


Im Allgemeinen geht es bei der Idee des Pflege- und Betreuungsmanagers darum, die Betreuung des Bewohners sowie die Aufgaben im Rahmen des Pflegeprozesses – soweit möglich – einer Bezugsperson zuzuordnen, die keine Altenpflegefachkraft ist.


Hierbei ist es wichtig, die Frage zu beantworten, welche Aufgaben innerhalb dieses Pflegeprozesses nur durch Fachkräfte ausgeführt werden dürfen. Zu diesen Aufgaben gehören…

Der Pflege- und Betreuungsmanager könnte all diejenigen Komponenten des Pflegeprozesses für eine ihm zugeteilte Anzahl von Personen organisieren und selbst durchführen.

im Bereich Planung:

  • Planung von pflegerischen Maßnahmen

im Bereich Durchführung:

die Durchführung der pflegerischen Maßnahmen, z. B.

  • Blasenkatheter legen
  • große Verbände (ab Dekubitus Grad II)
  • Aufgaben im Rahmen der Medikamentenaufbewahrung

im Bereich Dokumentation:

  • Dokumentation der genannten pflegerischen Aufgaben

Im Bereich Evaluation:

  • Evaluation der genannten pflegerischen Aufgaben


Demnach könnte der Pflege- und Betreuungsmanager all diejenigen Komponenten des Pflegeprozesses für eine ihm zugeteilte Anzahl von Personen organisieren und selbst durchführen. Die folgenden Aufgaben könnten somit an den Pflege- und Betreuungsmanager delegiert werden:

Im Bereich Erhebung:

  • Erhebung von Daten, Zustand, Biografie (im Rahmen der Biografiearbeit) etc.

Im Bereich Durchführung:

  • sämtliche bezugs- und behandlungspflegerischen Aufgaben, die nicht zwangsläufig durch Fachkräfte ausgeführt werden müssen (siehe Aufzählung oben)

Im Bereich Dokumentation:

  • Dokumentation der ausgeführten Aufgaben

Im Bereich Evaluation:

  • Evaluation der genannten Aufgaben

Der Pflege- und Betreuungsmanager wäre Ansprechpartner und Bezugsperson zugleich und übernähme nach dem Vorbild der Bezugspflege für den Bewohner eine Anwaltsfunktion. Einzig die oben genannten Aufgaben, die nur durch eine Fachkraft durchgeführt werden dürfen, blieben dieser erhalten. Hier wäre der Pflege- und Betreuungsmanager jedoch unterstützend tätig. Die Pflegefachkraft würde demnach nur bei Fragen bzw. Problemen als Experte hinzugezogen. Zu Beginn und zum Ende des Tages verschaffte sich die Fachkraft im Rahmen einer Visite einen Überblick über den Zustand und das Wohlbefinden des Bewohners und kontrollierte so gleichzeitig die Arbeit des Pflege- und Betreuungsmanagers.

Der Vorschlag der Stationssekretärin basiert auf der Tatsache, dass ein großer Aufgabenbereich einer Pflegefachkraft die Verwaltung und Dokumentation betrifft.

Die Stationssekretärin


Der Vorschlag der Stationssekretärin basiert auf der Tatsache, dass ein großer Aufgabenbereich einer Pflegefachkraft die Verwaltung und Dokumentation betrifft. Im Folgenden sind beispielhaft einige dieser Aufgaben genannt:

  • Koordination der Terminverwaltung für Arztbesuche, Betreuerbesuche, Einstufungen durch den MDK
  • Anforderung von Rezepten
  • schriftliche und/oder mündliche rechtzeitige und lückenlose Weitergabe relevanter Beobachtungen an Mitarbeiter, an den Arzt und Therapeuten usw.
  • Verantwortung für Einkauf bzw. Lagerhaltung der Pflege, insbesondere Bestellung und fachgerechte Lagerung von Verbandsmitteln, Pflegemitteln, Heil- und Hilfsmitteln
  • Überprüfung eingegangener Lieferungen
  • Überprüfung der Lagerbestände
  • Überprüfen von Arbeits-, Dienst-, Urlaubs- und Vertretungsplänen für das Pflegepersonal
  • Koordination und Organisation von und bei Arztbesuchen
  • vorbereitende Aufgaben beim Einzug/Auszug/Sterbefall
  • Beobachtung und Erfassung des Heimbewohners auf mögliche Veränderungen unter den Aspekten des Allgemeinbefindens, der Aktivität/Mobilität, des Verhaltens und der Orientierung; ggf. Einleitung besonderer Maßnahmen
  • Teilnahme an der Dienstübergabe und vollständige Übermittlung aller wichtigen Informationen an Kollegen

Die Konzentration dieser Aufgaben bei einem Stationssekretär bzw. einer Stationssekretärin bietet die Möglichkeit, die Pflegefachkräfte von diesen Aufgaben zu befreien. Die Verwaltungsaufgaben könnten so regelmäßig und mit größerer Routine von einer Arbeitskraft ausgeführt werden. Dies bietet gleichzeitig die Möglichkeit, Aufgaben wie Dokumentation und Organisation zu vereinheitlichen und so deren Qualität zu erhöhen. Hierbei besteht auch die Chance, Pflegefachkräfte mit bestehenden Einschränkungen (beispielsweise aufgrund von Krankheit, Alter etc.) von der körperlich und psychisch sehr beanspruchenden Aufgabe der Pflege zu entlasten und sie entsprechend anders einzusetzen, beispielsweise als Stationssekretär oder -sekretärin. Dies könnte nicht nur den Verlust dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verhindern, sondern darüber hinaus den oben genannten Mehrwert erreichen.

Kontakt

Marco Giovante | Consultant EY

+49 711 9881 16691

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Quellen:
Berg, Claus C. (1981): Darstellung und Kritik traditioneller Organisationstechniken. Kritische Anmerkungen zur Aufgabensynthese, in: Kieser, Alfred Prof. Dr. (Hrsg.): Organisationstheoretische Ansätze, 1. Auflage.

Bundesagentur für Arbeit (2018): Statistik/Arbeitsmarktberichte, Blickpunkt Arbeitsmarkt – Fachkräfteengpassanalyse, Nürnberg

Bundesministerium für Gesundheit (2018): Beschäftigte in der Pflege, Berlin

Isfort, Prof. Dr. Michael; Rottländer, Ruth; Weidner, Prof. Dr. Frank; Gehlen, Danny; Hylla, Jonas; Tucman, Daniel (2018): Pflege-Thermometer 2018. Herausgegeben vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP), Köln

Kämmer, Karla (Hrsg.) (2015): Pflegemanagement in Altenpflegeeinrichtungen. Zukunftsorientiert führen, konzeptionell steuern, wirtschaftlich lenken, 6. Auflage, Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Kosiol, Erich (1976): Organisation der Unternehmung, in: Gutenberg, Erich (Hrsg.): Die Wirtschaftswissenschaften, 2. Auflage, Wiesbaden: Betriebswirtschaftlicher Verlag Th. Gabler

Müller, Herbert (2015): Arbeitsorganisation in der Altenpflege. Ein Beitrag zur Qualitätsentwicklung und -sicherung, 5. Auflage. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Schulte-Zurhausen, Dr. Manfred (2014): Organisation, 6. Auflage, München: Franz Vahlen Verlag

Vahs, Dietmar (2015): Organisation. Ein Lehr- und Managementbuch, 9. Auflage, Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag